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Nachruf - Dieter Schnebel

Die Leo Kestenberg Musikschule trauert um Dieter Schnebel. Der Komponist, Musikwissenschaftler, Musikpädagoge und Theologe, der von 1976-1995 den weltweit einzigen, eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Experimentelle Musik an der Hochschule der Künste Berlin (UdK) innehatte, starb nach kurzer, schwerer Krankheit im hohen Alter von 88 Jahren. Seit 2015 war er der Leo Kestenberg Musikschule als Mentor der FG Neue Musik. Neue Ton- und Klangkunst verbunden.

 

Schnebel 85 - am 14.03.2015

 

Dieter Schnebel zählt zu den wenigen „Altmeistern“ der musikalischen Avantgarde, er war mit Theodor W. Adorno und John Cage befreundet und besuchte gemeinsam mit u.a. Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik. Schnebel komponierte seit Ende der 1950er Jahren experimentelle Musik und machte sich besonders mit seiner erweiterten Vokal- und Sprachmusik, wie in „Glossolalie“und dem Zyklus „Für Stimmen (…missa est)“ einen Namen.

 

Inspiriert durch die 1968er Forderungen konzipierte er die Produktionsprozesse, „Maulwerke“ und „Körper-Sprache“, eine Werkreihe nicht-elitärer, quasi voraussetzungsloser Musik, mit deren Uraufführung (Maulwerke) er im Jahre 1974 ganz ungewollt einen Publikums-Skandal erregte. Drei Jahre später brüskierte er mit der Uraufführung seines auf Schubert bezogenen "B-Dur-Quintetts" (1977) und der damit begonnenen Werkreihe „Tradition“ die eigenen Reihen - wiederum ganz ungewollt.

 

Seine unorthodoxe Perspektive eines an Barth, Buber und Bloch u.a. geschulten Theologen und Musikers führte ihn stets zu einem besonderen Verständnis von Tradition, nämlich im Sinne von „Dialog“ und „Weitergeben“, auch im Sinne von „Neues“ Entdecken, „Neues“ Zulassen und Weiterentwickeln. Nicht nur darin unterschied er sich von der wenig später aufkommenden Postmoderne, wie auch seinem Buch „Denkbare Musik“ entnommen werden kann, welches einer längst überfälligen Neuauflage harrt.

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Schnebel zu Ehren und in Anspielung auf dieses Buch richtete die Leo Kestenberg Musikschule eine Konzertreihe gleichen Namens ein. Die ersten beiden Veranstaltungen „Denkbare Musik I und II“ gestaltete Schnebel selbst. Ein durchgehendes Thema ist auch hier das fruchtbare Verhältnis von Neuer Musik und Tradition.

 

Die Musikschule hatte überdies die Ehre, Dieter Schnebel und sein Werk im Rahmen einer dreiteiligen Konzertreihe vorzustellen: Für Part I (zugleich „Denkbare Musik I“), einer Veranstaltung in der Alt-Schöneberger Paul-Gerhardt-Kirche, erweiterte Schnebel seinen Vortrag "Schönheit und Neue Musik“ zu einer Lesung, die wir durch Ausschnitte aus den Bagatellen für Klavier (1985) und B-Dur-Quintett (1975) ergänzten. Part II im Arsenal Filmhaus am Potsdamer Platz feierte zugleich die Premiere seines Film-Portraits “Dieter Schnebel: Andante con Moto“ von Susanne Elgeti und das Erscheinen der Festschrift „Dieter Schnebel - Querdenker der musikalischen Avantgarde“, herausgegeben von Theda Weber-Lucks. Part III im Acker Stadt Palast, Berlin-Mitte, brachte eine von Schnebel lang ersehnte Wiederaufnahme der Produktionsprozesse „Körper-Sprache“ durch das Trio „intermission 3“. Überdies wurden das Streichorchester der LKMS sowie die Blockflöten-Kids unserer Kollegin Gaby Bultmann von ihm zu Aufführungen der Werke „Blendwerk“ und „Stuhlgewitter“ im Rahmen des großen Festkonzertes an seinem 85. Geburtstag eingeladen.

 

Als Dieter Schnebel starb, stand er inmitten einer späten produktiven Schaffensphase. Er hatte erst im vergangenen Jahr wieder geheiratet und sah zahlreichen Uraufführungen, Wiederaufnahmen und Neuauflagen seiner Werke entgegen. - Er hatte in der Tat noch so viel vor. Wir werden ihn, den Querdenker der musikalischen Avantgarde, als Mentor, Freund und Verbündeten im Geiste sehr vermissen.

 

Die Leo Kestenberg Musikschule bereitet noch in diesem, seinem Todes-Jahr, ein Konzert zum Gedenken Dieter Schnebels vor.

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