Improvisation
... ist der Versuch, die Musiksprachen, in denen man sonst nur Werke
rezitiert, frei zu sprechen. Man kann es mit dem Unterschied von
aktiven und passivem Wortschatz vergleichen. Der Wortschatz, den
man passiv - als Hörer – verstehen gelernt hat, wird
aktiviert in der eigenen Äußerung.
In der Vertrautheit mit den musikalischen Ausdrucksmitteln differenziert
sich das Gespür für Folgerichtigkeit in der Musik aus.
Der musikalische "Stil" ist - in der Erfahrungswelt des
Spielers – eine Summe von Hörerwartungen. In unserer
Zeit des Musizierens in mehreren, unterschiedlich alten Stilen haben
sich verschiedene Hörerwartungen nebeneinander entwickelt.
Man lernt also, musikalische Stile im eigenen Anwenden und Erproben
zu erfahren – sicherlich eine vielversprechende Art, um Werke
gleichsam von innen her zu verstehen. Wer Musik improvisatorisch
erfährt, denkt die musikalischen Kategorien prozesshaft. Ihn
bewegt nicht die Frage, was die Musik ist, sondern wie sie wird.
Musik, in einem solchen Prozess des Verstehens, bleibt offen, offenbart
verschiedene Entwicklungstendenzen und steht in vielen Momenten
gleichsam auf der Kippe. Kein Ton ist etwas von vornherein, seine
Bedeutung ergibt sich erst im Zusammenhang und erschließt
sich so erst allmählich.
Kein Teil ist nur einfach Teil, er hat die Tendenz mit den anderen
zu kommunizieren, sich zu musikalischen Gestalten zu organisieren,
in Kontrast zu anderen zu treten, Prozesse abzuschließen oder
neue Prozesse in Gang zu setzen.
Zu anspruchsvoll für Improvisation? Nein, gerade der richtige
Anspruch an den Prozess des Improvisierens. Kaum hat man eine Sequenzfolge
begonnen, erklingt schon eine harmonische Fortschreitung. Diese
weiterzuführen erfordert neue rhythmische Impulse. Darauf ändert
sich die Dynamik der Musik. Die Mittel verdichten sich und treten
für einander ein. Kein Element wirkt allein auf einer Ebene:
Harmonik ist immer auch Stimmführung, Harmoniewechsel auch
ein rhythmisches Ereignis, zugleich ändert er die dynamische
Spannung der Musik. Jede neue Wendung beeinflusst die Musik insgesamt
und nicht nur isolierte Parameter, Gegensätze verschmelzen
und ein Gleiches wird zu etwas Neuem...
Es ist unmöglich, dies alles planend vorherzusehen. Grunderfahrung
des Improvisierens ist der Gestaltwechsel. Das, was erklingt, wird
anders als es geplant war. Eine wesentliche kreative Leistung bei
der Improvisation stellt die Interpretation der soeben erklungenen
Musik dar. Das ist durchaus nicht paradox. Es bedarf einer wachen
und offenen Aufmerksamkeit, um dort Gestalten und Wirkungen wahrzunehmen,
wo man sie gar nicht geplant hatte, und ein Gespür für
mögliche, doch kurz zuvor noch unvorhergesehene musikalische
Weichenstellungen zu entwickeln.
So bleibt eine rätselhafte Ambivalenz bei der Improvisation.
Wenn der Klang mehr bedeutet als man "identifizieren"
kann, belegt das nicht die Willkür des Spielers, der der Musik
bald diese, bald jene Deutung aufzwingt? Doch der Spieler erlebt
das Gegenteil: Gerade wo er der Musik eine Tendenz, eine Richtung
abhorcht, die er nicht geplant hatte, gibt er gleichsam die Initiative
ab. Er folgt der Musik – stärker als er jemals hätte
planen können.
Damit die Improvisation "musikalisch" wird, kommt mehr
ins Spiel als nur die Musik: Spannung – Entspannung, Bewegung
– Ruhe, Zupacken – Loslassen, so könnten abstraktere
Beschreibungen aussehen. Ebensogut kann die Musik gegenständliche
Ausgangspunkte bzw. Anregungen haben: Bilder, Texte, assoziative
Vorstellungen. Doch Musik hat die Kraft zu verwandeln, was in ihren
Bannkreis gerät. So braucht man als Spieler nicht ängstlich
darüber zu wachen, ob das, was der Musik als Ausdrucksabsicht
vorausging, erhalten bleibt. In der Musik wird es zu etwas Neuem,
darauf kann er neugierig sein. |