Leo Kestenberg, geboren am 27.11.82
in Rosenberg, Ungarn, gestorben am 14.1. 1962 in Tel Aviv, war ein
leidenschaftlicher Pianist, Sozialist und Musikpädagoge. Mit
15 Jahren begann er Klavier zu studieren, zunächst bei Prof.
Franz Kullak, später bei Ferrucio Busoni in Berlin. Seine erste
Laufbahn war die eines Konzertpianisten. Sie führte u.a. zu Kestenbergs
Anstellung als Lehrer am Stern'schen Konservatorium. Bereits als Dreizehnjähriger
wurde Kestenberg jüngstes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei
in Reichenberg. Sozialismus und Musik bedeuteten für ihn stets
eine unzertrennliche Einheit. Als Musikpädagoge war er erfüllt
von den aufkommenden reformpädagogischen
Ideen seiner Zeit. Er glaubte an die Idee von der "Erziehung
zur Menschlichkeit mit und durch Musik" und stellte das "Allgemein-Musikalische,
das Menschlich-Lebensvolle über Virtuosentum und Einseitigkeit".
Bis zu seinem Lebensende strebte Kestenberg danach "in der Musik
ein Mittel zu finden, welches den Menschen in seinem ganzen Wesen
so unmittelbar beeinflussen kann, daß er zu einer höheren
Einsicht seiner selbst gelangt." Dabei war Kestenberg kein Utopist,
sondern er verstand es meisterlich, seine Reformideen praktisch umzusetzen.
Neu und bahnbrechend waren seine Mittagskonzerte an der "Volksbühne",
dem aus Arbeitergroschen erbauten "Theater am Bülow-Platz".
Dort organisierte er von 1905 bis 1933 Aufführungen klassischer
und zeitgenössischer Werke auf höchstem künstlerischen
Niveau.
Bekannt geworden ist Kestenberg vor allem durch seine weitblickende
und umfassende Reformierung des deutschen Musikerziehungswesens.
Dieses lag seit seiner Berufung am 1.12.1918 zum "Referenten
für musikalische Angelegenheiten im preußischen Ministerium
für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" in seinem Verantwortungsbereich.
Mit seinem 1921 veröffentlichten Buch "Musikerziehung
und Musikpflege (Leipzig 1921) stellte er sein Reformvorhaben gleich
zu Beginn auf eine fundierte Grundlage. Die hier unterbreiteten
Vorschläge wurden nach und nach in Gesetze umformuliert, die
den Musikunterricht vom Kindergarten bis zur Universität neu
strukturierten. Eine erste Maßnahme war die Einführung
staatlicher Musiklehrer-Prüfungen zum Schutz des öffentlichen
wie des privaten Musikunterrichts gegen "Scharlatanerie"
und "Pfuscherei". Als Professor der von ihm gegründeten
Musikabteilung am "Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht"
erreichte er wenig später die Gleichstellung der Musikpädagogen
mit den Lehrenden aus Wissenschaft und Kunst.
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Von der sozialen Wirkung der Musik überzeugt, versuchte Kestenberg
"das Volk in seiner Gesamtheit zu produktiver Anteilnahme an
der Musikentwicklung heranzuführen". Deshalb richtete
die Volksmusikschulen ein, die zum Vorläufer der heutigen Musikschulen
wurden. Kestenbergs universalistische Auffassung von der Musik,
zeigte sich in seinem Bemühen, Musik und Wissenschaft in einem
interdisziplinären Unterrichtsprogramm an Musikhochschulen
und Universitäten zu verankern. Zum Zentrum der reformpädagogischen
Ideen seiner Zeit machte er das "Institut für Kirchenmusik",
das er zusammen mit den Musikpädagogen Heinrich Martens und
Fritz Jöde zur "Musikakademie für Kirchen- und Schulmusik"
erweiterte. Bereits mit der Berufung von Martens und Jöde wurde
deutlich, daß der Musikpolitiker Kestenberg über die
für sein Reformwerk nötige Umsicht und Toleranz verfügte.
Professionelle wie menschliche Qualitäten gleichermaßen
im Blick, gelang es ihm später, so unterschiedliche Musikerpersönlichkeiten
wie die Dirigenten Kleiber und Furtwängler oder die Komponisten
Schreker und Pfitzner nach Berlin zu verpflichten. Es war Kestenberg,
der Busoni und Schönberg an die Berliner Akademie der Künste
holte.
Im Jahre 1932 wurde Kestenbergs Reformschaffen durch die Nationalsozialisten
ein abruptes Ende gesetzt. Eine beispiellose Hetz- und Verleumdungskampagne
gegen ihn setzte ein. Kestenberg emigrierte zunächst nach Prag,
wo er die "Internationale Gesellschaft für Musikerziehung"
gründete. 1938, kurz vor der "Zerschlagung" der Tschechoslowakei,
wanderte er nach Israel aus. Dort übernahm er zunächst
die administrative Leitung des Palestrine-Orchestras und gründete
1945 Israel's erstes "Seminar für Musikerziehung".
Im Alter zunehmend erblindet, konzentrierte er sich schließlich
ganz auf den Klavierunterricht.
Dennoch gelang es den Nazis nicht, Kestenbergs Reformwerk zu zerstören.
Bis heute baut unser Musikerziehungswesen auf seinen Errungenschaften
auf. (Theda
Weber-Lucks)
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