| "Was Hänschen
nicht lernt"– Überlegungen zum Musikunterricht für
Kinder
"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans
nimmermehr"– so hieß es früher. Die Hirnforschung
hat uns gelehrt, dass das nicht stimmt. Ein Mensch lernt so lange
er lebt. Ein Kind kommt mit der Fähigkeit, ja dem Bedürfnis
zu lernen auf die Welt. Zu lernen kann ein Vergnügen bleiben.
Aber das Lernen ändert sich. In den ersten
Lebensjahren lernt man grundlegende Fähigkeiten, baut Wahrnehmungs-
und Denkstrukturen auf. In dieser Zeit ist das Lernen so wirkungsvoll
und so schnell wie nie wieder danach. So kann ein Erwachsener sehr
gut Fremdsprachen lernen. Aber nur wer bis zum 12. Lebensjahr die
Aussprache fehlerfrei gehört und aufgenommen hat, kann die
Sprache akzentfrei lernen.
Ähnlich gilt auch in der Musik: Jeder kann
ein Instrument lernen, auch Erwachsene. Aber Kindern fällt
es viel leichter. Es scheint sogar so zu sein, dass Erwachsene,
die als Kind bereits im Instrumentalunterricht waren, weniger Schwierigkeiten
mit dem Instrumentalspiel haben als andere. Insofern raten wir Ihnen
dringend zu einem Unterrichtsbeginn – wenn möglich –
vor dem zehnten Lebensjahr.
Einige Instrumente setzen eine bestimmte Körpergröße
oder einen entwickelten Kiefer oder ähnliches voraus, weswegen
ein Beginn erst in einem späteren Alter empfohlen wird. Hier
wäre es sinnvoll, zuerst mit einem anderen Instrument zu beginnen.
Auskünfte erhalten Sie hierzu bei den Fachbereichsleitern.
"Ist mein Kind begabt?"
Alle kennen Beispiele von aufsehenerregenden
musikalischen Entwicklungen, die man sich nicht als Ergebnis loßen
Lernens erklären kann, in denen man darum den Erweis einer
besonderen "Begabung" sieht. Die Ergebnisse der Begabungs-Forschung
sind dennoch ernüchternd. Einen Test, mit dem man an Kindern
feststellen kann, wie weit sie in zehn oder zwanzig Jahren in ihrer
musikalischen Entwicklung kommen können, gibt es nicht.
Es ist wohl nicht so, dass ein Mensch mit einem
festen Maß an musikalischer Aufnahmefähigkeit auf die
Welt kommt. Der Mensch entwickelt sich, je nach dem, wie viele Anregungen
er in diesem Bereich erhält. Viel Beschäftigung, aktive,
bewegte Beschäftigung mit Musik ist offenbar sehr wichtig.
Besonders das Singen fördert die Entwicklung musikalischer
Fähigkeiten sehr.
Viel wichtiger als die Prognose, wie weit es
ein Kind bringen kann, ist für uns etwas anderes: Bringt das
Kind Aufmerksamkeit für Musik auf? Identifiziert es sich mit
seiner musikalischen Beschäftigung? Reagiert es sensibel auf
musikalische Impulse? Wenn das so ist, tut der Unterricht dem Kind
gut.
"Musik macht Spaß"
Zwischen dem Trainieren beim Sport
und dem Üben in der Musik gibt es manche Gemeinsamkeiten. Man
braucht regelmäßiges Training, man braucht großes
Durchhalte vermögen, auch das Üben ist mit Anstrengung
verbunden. Wie passt das zu dem Motto: "Musik macht Spaß"?
Der Spaß und die Anstrengung gehören
zusammen. Niemand ginge lieber zum Fußballtraining, wenn am
Elfmeterpunkt Sessel stünden, damit man beim Schießen
nicht stehen muss, und wenn der Trainer das Tor hin- und herschieben
würde, damit der Ball auch ins Tor geht, und man auch ein Erfolgserlebnis
hat. Musik mach Spaß – richtig. Aber nicht wie ein Film,
den man sich gemütlich ansieht, sondern wie ein Fußballspiel,
bei dem man sich richtig anstrengt.
Instrumentalunterricht bedeutet nicht einfach:
ein Termin mehr in der Woche – sondern viele Termine mehr,
denn in jeder Unterrichtsstunde werden Aufgaben erteilt für
das Üben zu Hause. Und am besten sollte man täglich üben.
"Musik zur Förderung der
Intelligenz" –
das war das Ergebnis einiger Langzeitstudien,
u. a. mit Berliner Schülern. Diese Untersuchungen werden viel
diskutiert und sind durchaus nicht unstrittig.
Wir freuen uns jede positive Nebenwirkung, die
von Musik ausgehen kann. Aber das ist nicht unser Grund, uns mit
Musik zu beschäftigen und Musikunterricht anzubieten. So wie
ein Kind sich bewegt, nicht weil Bewegung gesund ist, sondern weil
es einen natürlichen Bewegungsdrang hat, so macht man auch
Musik: Die Bewegung des Geistes und der Seele beim Musikerleben,
der Stimme beim Singen, des Körpers beim Tanzen bedürfen
auch der guten Gründe nicht, die es sicherlich gibt.
Spielend lernen
In den Diskussionen um schulisches
Lernen werden oft falsche Fronten aufgebaut. So als ob man entweder
einem Schüler jegliche Anstrengung ersparen sollte oder ob
man nur in erbarmungslos harter Disziplin etwas lernen würde.
Kinder zeigen, dass es anders geht. Sie lernen ernsthaft, und sie
lernen spielend – und das ist kein Gegensatz.
In der Musikalischen Früherziehung für
Kinder im Vorschulalter macht man sich diese Erkenntnis zunutze.
Das musikalische Erlebnis ist eingebettet in Geschichten und Spiele.
Die Musik wird in der Bewegung erlebt und im Singen. Musik , so
erfahren, geht den ganzen Menschen an: seine Phantasie, seine Körpererfahrung,
seine klangliche Vorstellung...
Die innere musikalische Vorstellung
entwickeln
Das Instrumentalspiel erfordert ein
hohes Maß an Körperbeherrschung und Disziplin. Aber dazu
kommt es nur, wenn parallel dazu ein reiches inneres musikalisches
Vorstellungsvermögen heranwächst. Üben darf niemals
auf das nur Mechanische beschränkt sein. Der Klangsinn gehört
dazu. Die Verbindung von Singen und Spielen, von Musik und Bewegung
sind von elementarer Bedeutung. Später kommt ein Erleben der
musikalischen Strukturen, ein Verstehen der musikalischen Gedanken
hinzu. Musiktheorie, die dazu dient, dieses Erleben bewusst zu machen
und zu vertiefen, wird zum unerlässlichen Bestandteil der musikalischen
Bildung.
Wer mehr darüber lesen will, dem sei zuerst
Manfred Spitzer: Musik im Kopf, Stuttgart 2002 empfohlen.
Ergebnisse der Hirnforschung finden sich in Manfred Spitzer: Lernen.
Heidelberg, Berlin 2002.
Zum Thema Begabungsforschung: Heiner Gebris: Grundlagen musikalischer
Begabung und Entwicklung, Augsburg 2002. |