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Den Digitalpianos gehört vielleicht
die Zukunft
- aber gegenwärtig muss es ein Klavier sein!
Digitalpianos sind leicht zu transportieren,
können leise gestellt oder mit Kopfhörer gehört werden,
man muss sie nicht stimmen. Und sie klingen wie ein echtes Klavier.
Warum sollte man das teurere Klavier nehmen?
Um die Unterschiede zu verstehen, muss man erst
einmal erklären, was ein Digitalpiano tut. Ein echter Flügelklang
wird aufgenommen und gespeichert, und diese Aufnahme wird lauter
oder leiser abgespielt, je nachdem, wie schnell oder langsam eine
Taste heruntergedrückt wurde.
Die Qualität eines Digitalpianos hängt
unter anderem davon ab, wieviel Speicherplatz für die "gesampelten«
Klänge zur Verfügung steht.
Schlechte Instrumente verwenden eine Aufnahme
für viele Nachbartöne und rechnen sie auf eine höhere
oder tiefere Tonstufe um. Der echte Klavierklang nimmt aber in jeder
Tonhöhe eine etwas andere Klangfarbe an. Bessere Instrumente
"sampeln" darum möglichst viele Töne.
Wie der Ton ausklingt, hängt beim Klavier
von der Tonhöhe und der Lautstärke des Tons ab. Instrumente
sparen Speicherplatz, indem sie nur den Anfang des Originalklangs
verwenden, danach über eine Art Wiederholfunktion ("loop")
immer denselben Klang beibehalten. Das kann zu hörbaren Klangeinbußen
führen.
Zwischen Klavieren und Digitalpianos gibt es
zur Zeit vier grundlegende Unterschiede-.
1. "Sampling": Ein echtes Klavier klingt
je nach Lautstärke anders. Um den Klangfarbenreichtum eines
Klaviers elektronisch nachzubilden, müsste man in jeder Tonhöhe
mehrere Klänge "sampeln", jeweils einen für
eine Lautstärkestufe. Das wird aus Kostengründen derzeit
nicht getan. Aber das ist, als ob man menschliches Flüstern
oder Schreien aus einem normal gesprochenen Wort entwickeln wollte,
indem man das Wort nur lauter der leiser abspielt. "Echt"
klingt nur die mittlere Lautstärke, die dynamische Entwicklung
ist unnatürlich und steril. Teurere Instrumente bieten immerhin
schon "Multisampling", verschiedene Klangfarben für
drei verschiedene Lautstärken. Das entspricht immer noch nicht
dem natürlichen Klang, kommt ihm aber schon wesentlich näher.
2. "Resonanz": Die Klänge der
einzelnen Klaviertöne beeinflussen einander. Auch eine Saite,
die nicht angeschlagen wird, wird durch andere Saiten zum Schwingen
gebracht. Das hat etwas mit dem Verhältnis der Obertöne
zueinander zu tun. Damit können Klänge sich gegenseitig
stützen und verstärken, es kann aber auch Interferenzen,
verstärkte Schwebungen zwischen den Klängen geben. Dieses
Verhältnis lässt sich mathematisch beschreiben und sollte
in einem elektronischen Instrument durchaus nachzumachen sein. Von
dem feinen aufeinander Reagieren der verschiedenen Töne hängt
es ab, wie schön, edel, hart oder weich ein Klavierstück
klingt, selbst wenn die Lautstärke im Sinne des bloßen
Schalldrucks gleich ist. Hier liegt einer der Gründe für
Qualitätsunterschiede zwischen Pianisten. Sie reagieren auf
Klangfarbenänderungen, die sich aus dem Wechselspiel der Obertonbeziehungen
ergeben. Digitalpianos machen solche Unterschiede nicht. Zwar gibt
es bereits Instrumente, die mit "Saitenresonanz" werben.
Bisher setzen sie nur einen Bruchteil der hörbaren Resonanzbeziehungen
um. Und denen fehlen auch Einschwingphasen, das allmähliche
Hervortreten der Obertöne, das für natürliche "Saitenresonanz"
charakteristisch ist.
Einen noch stärkeren Einfluss auf den Klavierklang
hat die Saitenresonanz bei dem Treten des rechten Pedals. Bei einfachen
Digitalpianos bewirkt das Treten des Pedals nur die Verlängerung
der Töne und keine Klangfarbenveränderung, es gibt nur
die Schaltung Pedals an/aus. Das ist bei den teureren Instrumenten
besser. Die aufwändigsten bieten auch so viel Pedalstufen an,
dass man den Klang allmählich zurücknehmen kann.
3. Dynamik: Ein Digitalpiano unterscheidet 128
Lautstärkestufen. Das scheint viel zu sein, ist aber viel zu
wenig. Ein normales Klavierstück umfasst ohne weiteres drei
bis vier Stimmen, die unterschiedlich laut gespielt werden: Oft
ist die Oberstimme am lautesten zu spielen, der Bass nur etwas leiser,
die Mittelstimmen noch leiser. Dazu ist noch zwischen den Taktzeiten
zu unterscheiden. Die Taktzeit "1" ist normalerweise die
lauteste, die anderen Taktzeiten sind leiser, aber auch voneinander
unterschieden. Zudem gibt es in manchen Stimmen Einzeltöne,
die lauter zu spielen sind, um zusätzliche Stimmen zu entwickeln
("verdeckte Mehrstimmigkeit"). Außerdem müssen
noch die Entwicklungen zwischen lauteren und leiseren Stellen im
Stück herausgearbeitet werden. All diese Unterschiede sollen
sich nun aber nicht von den Extremen ganz laut bis ganz leise bewegen
sondern in einem engen Lautstärkebereich, z.B. zwischen Mezzopiano
und Mezzoforte. Dafür reichen 128 Klangstufen bei weitem nicht
aus.
4. Anschlag: Bei einer gewichteten Tastatur braucht
es ein bestimmtes Mindestgewicht, um den Ton auszulösen. Darin
gleichen sich Digitalpianos und echte Klaviere. Die physikalischen
Eigenschaften einer Klaviermechanik und einer Federmechanik bei
Digitalpianos unterscheiden sich bei größerer Lautstärke.
Um die Masse in immer kürzerer Zeit zu beschleunigen, muss
eine immer größere Kraft aufgewendet werden. Für
die Feder, die beim Digitalpiano die Masse ersetzt, bleibt die aufzuwendende
Kraft immer annähernd gleich. Daher macht es einen Unterschied,
ob die Taste eine Masse bewegt oder eine Feder. Je lauter man spielt,
desto größer wird der Kraftaufwand, der Anschlag vom
Digitalpiano wirkt dagegen zu lasch. Wenn aber die Taste dem lauten
Anschlag nicht den richtigen Widerstand entgegensetzt, wird es schwieriger,
die Lautstärke richtig abzustufen, also differenziert zu spielen.
Diese Unterschiede sind erheblich. Dabei müsste
es nicht bleiben. Es sollte technisch möglich sein, mit größerem
Speicheraufwand für die Samples, größerem Rechenaufwand
für die Resonanzbeziehungen im Obertonbereich, durch größere
dynamische Differenzierung dem Klavierklang sehr nahe zu kommen
und durch eine massereichere Mechanik den Anschlag deutlich zu verbessern.
Mit Digitalaufnahmen von Konzerten auf CDs kann man schließlich
auch einen sehr guten Klangeindruck gewinnen die Digitalisierung
muss nicht zu schlechteren Ergebnissen führen. Noch ist es
aber nicht so weit. Und es ist gar nicht sicher, ob ein solches
gutes Digitalpiano immer noch billiger wäre als ein Klavier.
Lernpsychologie und Hirnforschung legen die
Annahme nahe, dass sich bei Kindern die Entwicklungen von Wahrnehmungsfähigkeit
und Handlungsfähigkeit gegenseitig ergänzen und beeinflussen.
Was man (geistig) unterscheiden lernt, das hängt auch von dem
ab, was man (körperlich) unterschiedlich zu machen lernt. Der
"Spielapparat" des Klavierspielers bildet eine Einheit
aus Handeln und Wahrnehmen. Die künstlerische Ausbildung zielt
auf ein intuitives Zusammenspiel von geistiger Vorstellung und Körpergefühl,
von Aufnahmefähigkeit für Klänge und Selbstwahrnehmung
beim Spielen. Das Unterrichtsinstrument muss darum klanglich und
spieltechnisch in der Lage sein, die kindliche Differenzierungsfähigkeit
anzuregen.
vgl. Manfred Spitzer: Musik im Kopf. Hören,
Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk. Stuttgart
2003, S. 331ff
Aber für den Anfang - reicht da nicht vielleicht
ein schlechteres Instrument? Für ein paar Monate vielleicht,
aber wer kauft für ein paar Monate ein Instrument. Und dann,
wenn der Unterricht gut läuft, bekommt der Schüler allmählich
ein Gefühl für immer mehr der Unterschiede, die ein Instrument
ihm anbietet. Vorausgesetzt, das Instrument kann ihm die Unterschiede
überhaupt bieten. Wie aber sollte ein Schüler das Gefühl
für Klangdifferenzierungen ausbilden, wenn sein Instrument
die Unterschiede gar nicht macht und auf differenziertes Spiel nicht
reagiert? Es hat keinen Sinn abzuwarten, bis ein schlechtes Instrument
nicht mehr genügt. Im schlimmsten Fall genügt es nämlich
immer: Weil der Schüler seine Wahrnehmungsfähigkeit und
seine Differenzierungsfähigkeit an diesem Instrument einfach
nicht entwickelt.
Daher raten wir von Digitalpianos ab und empfehlen
für den Klavierunterricht die Anschaffung eines Klaviers.
Andreas Eschen (Fachbereichsleiter für
Tasteninstrumente)
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